"Als Menschen können wir das Leben nur emotional wahrnehmen." – Diese Worte von Eduardo Bericat, Soziologieprofessor an der Universität Sevilla, treffen mitten ins Herz unserer vermeindlichen Business-Realität. Ich sehe schon das Augenrollen einiger "Zahlen-Daten-Fakten"-Verfechter unter Ihnen.
Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie schon behauptet, Ihre Entscheidungen seien "rein rational"?
Dass in Ihrem Businessalltag für Emotionen kein Platz sei?
Glauben Sie wirklich, dass es so funktioniert?
Ihre vermeintlich faktenbasierte Entscheidung? Vielleicht entspringt sie in Wahrheit Ihrem Sicherheitsbedürfnis, geboren aus der Emotion Angst. Und die Vehemenz, mit der manche betonen, wie unwichtig Gefühle im Business sind? Ironischerweise oft selbst von Emotionen wie z.B. Verachtung getrieben.
Ich bin nicht hier, um zu belehren oder zu bekehren. Aber stellen Sie sich vor, welche Potenziale wir freisetzen könnten, wenn wir unsere emotionale Intelligenz auch im Berufsleben nutzen würden!
Ich selbst kenne die Glaubenssätze nur zu gut: "Indianer kennt keinen Schmerz" und "Was dich nicht tötet, härtet ab." Diese Mantras haben lange meine berufliche Identität geprägt – und manchmal übernehmen sie auch heute noch heimlich das Ruder.
Wussten Sie, dass die meisten Menschen nur ein sehr begrenztes emotionales Vokabular haben? "Ich bin traurig, wütend, ängstlich oder glücklich" – das war's. Aber was ist mit den Nuancen? Sind Sie wirklich wütend oder eher verstimmt? Haben Sie tatsächlich Angst oder sind Sie lediglich besorgt? Und wie steht es um Emotionen wie Scham, Schuld oder Abneigung?
Je präziser wir unsere Gefühle benennen können, desto gezielter können wir sie regulieren. Studien belegen: Allein das treffsichere Benennen einer Emotion führt bereits zu ihrer Regulation. Unser limbisches System und der präfrontale Cortex beginnen zusammenzuarbeiten und plötzlich haben wir wieder Zugriff auf unsere volle Denkfähigkeit.
Der Unterschied zwischen "Ich bin vor der Präsentation aufgeregt" und "Ich habe Panik vor der Präsentation" ist gewaltig. Mit Aufregung können wir umgehen. Bei Panik verabschiedet sich unser präfrontaler Cortex und wir sitzen im Reptilienhirn fest, Stresshormone inklusive.
Besonders fatal: Viele verstecken ihre Angst hinter Ärger oder Wut, weil diese gesellschaftlich akzeptierter sind. "Sich mal richtig Luft machen" gilt als okay – auch im Job. Aber für unser System ist dieses Maskieren verheerend. Die eigentliche Emotion wird weder gesehen noch wird das dahinterliegende Bedürfnis erfüllt. Die Folge? Die maskierte Emotion meldet sich immer lauter, bis hin zu körperlichen Symptomen.
Denken Sie an Change-Prozesse in Ihrem Unternehmen: Wie oft werden dort Sorgen und Ängste ignoriert oder nicht geäußert? Und dann wundern wir uns, warum der Change nicht nachhaltig gelingt?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich plädiere nicht dafür, unseren Emotionen freien Lauf zu lassen oder sie als Ausrede zu missbrauchen. Es geht um bewusstes Wahrnehmen, präzises Benennen und ehrliches Mitteilen. Nur so können Emotionen ihre Funktion erfüllen und die dahinterliegenden Bedürfnisse befriedigt werden.
Der wahre Wettbewerbsvorteil für Unternehmen liegt meiner Meinung nach nicht in der Nutzung der künstliche, sondern der emotionalen Intelligenz.
Wenn wir unsere Gefühle reflektieren und wertschätzend betrachten können, erschließen sich uns Lösungswege, die dem rein "faktenbasierten" Denken verborgen bleiben.
Und genau diese Fähigkeit brauchen wir jetzt besonders, die Herausforderungen lassen sich nicht durch einen neuen Report, durch eine neue Exceltabelle lösen, sondern nur im Miteinander und vielleicht auch mit neuen, kreativen Ansätzen.